Eine Reise in den Iran. Zweiter Stopp: Berlin

Manuel ErnstTravel Comments

Eine Reise in den Iran. Zweiter Stopp: Berlin

Vom Schreibtisch von Manuel Ernst

Thema: Wie du in einer Stadt Fuß fasst ohne Job, Wohnung und Freunde

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Nachdem ich zum Ende meines Studiums die Entscheidung getroffen hatte nach Berlin zu ziehen, war nun die Frage, wie der erste Schritt aussehen sollte.

Ich wohnte wieder in meinem alten Zimmer im Haus meiner Eltern in Bayern, oben unterm Dach, mit Balkon, Dachfenster und Gaupe. Jeglicher Komfort den man sich wünschen konnte, war vorhanden.

Doch ich wusste, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein dürfte. Ich musste schnell handeln, einen ersten Schritt machen, egal wie dieser im Detail aussah.

Nachdem man eine klare Entscheidung getroffen hat, die weitereichende Konsequenzen für das eigenen Leben hat, ist es unerlässlich möglichst zügig aus dem Nichts Momentum zu generieren. Nun war Action-Time.

Der erste Schritt bestand darin alle Leute zu kontaktieren, die nur im entferntesten eine Beziehung zu Berlin hatten. So gelangte ich an meinen Zahnarzt, der früher in Berlin studierte und eine Schwester hatte, die in der Stadt lebt. Er gab mir ihre Nummer und ich rief Sie umgehend an.

Sie versicherte mir, dass sie sich bei mir melden würde, wenn Sie irgendetwas hört wo eine Wohnung frei wird. Dennoch kaute sie mir auch ewig vor, dass es extrem schwierig war in der Stadt fündig zu werden, da jeder hier hinziehen wollte, die Mieten daher ständig weiter stiegen und so weiter und so fort.

Das mochte alles der Wahrheit entsprechen, doch am Ende halfen mir diese Informationen nicht weiter. Es nutzt nichts wenn jemand ununterbrochen über Probleme referiert, aber keinerlei Lösungen anbieten kann. Solche Connections sind wertlos.

Als genau das stellte sich diese Dame dann auch heraus. Ich warte bis heute noch auf Ihren Anruf.

Wenn sie die einzige gewesen wäre auf die ich zum besagten Zeitpunkt meine Zukunft gewettet hätte, säße ich heute noch in der Pampa.

Hier zeigt sich auch wie wichtig hochwertige Connections sind. Ohne der Dame zu nahe treten zu wollen und natürlich ohne Namen zu erwähnen, ist es eigentlich im Rückblick nicht verwunderlich gewesen, dass sie sich nicht mehr meldete, beziehungsweise mir von vornherein keine Lösung anbieten konnte, obwohl sie vor Ort war, unmittelbar im Geschehen, mit sozialen Kontakten über die sie Chancen hätte auftun können.

Außerdem hatte Sie den klassischen Problem-Fokus. Eine Eigenschaft die absolut prägend für die Angehörigen der Unter- und Mittelschicht ist.

Hinzukommt, dass die Frau eine Enddreißigerin war, sich selbst als Künstlerin bezeichnete und Hartz4 empfing. Ein Typ Mensch den man in Berlin sehr häufig antrifft. Im Wesentlichen Menschen, die zu faul zum arbeiten sind, früh keinen Bock haben aufzustehen und Abends gerne lange Party machen.

Sieben Tage die Woche.

Das sind Menschen die das Universum jeden Tag aufs neue anbrüllen und anflehen: „BITTE LASS MICH FÜR IMMER ARM BLEIBEN“.

Wenn du ausschließlich solche Connections haben solltest oder besser gesagt, wenn du dich nur auf solche Connections verlässt, hast du gute Chancen bald selber eine dieser minderwertigen Connections zu werden. Dann bist du Teil der Gruppe von Menschen die nichts möglich machen. Du bist dann nichts, hast nichts und bleibst für immer nichts. Probleme werden zu deinem täglichen Begleiter, vor allem Probleme finanzieller Art.

Aber keine Angst, es gibt eine Instanz die deine Probleme dann für dich lösen wird: Das Arbeitsamt. Und zwar auf seine Weise.

Dies soll aber nur als warnendes Beispiel dienen was passiert wenn du dich auf Null-Nummern verlässt.

Je nachdem in welchen Kreisen du dich bisher bewegt hast, wirst du entweder mehr Loser kennen oder weniger. Bist du Teil der Unter- oder Mittelschicht, ist die Chance hoch, dass du fast nur Loser kennst. Loser heißt nicht, dass diese Leute dumm sind.

Im Gegenteil, viele unter Ihnen haben wahrscheinlich sogar einen akademischen Abschluss. Aber das ist auch schon alles. Sie sind book-smart, aber nicht street-smart. Sie haben vielleicht ein Diplom, aber ansonsten nur wenig was für sie spricht. Loser-Mindset, Loser-Job oder gar kein Job und Loser-Connections.

THEY WILL MAKE NOTHING HAPPEN FOR YOU. ZERO.

Stammst du aus der Oberschicht, sind deine Chancen besser zum richtigen Ansprechpartner ‚connected‘ zu werden.

Kontakte sind nach wie vor eine der Bastionen, die die Oberschicht ohne Umschweife für sich auszunutzen weiß.

Getreu dem Motto „man kennt sich, man schätzt sich“. Der eine macht in teuren Uhren, der andere in Luxusimmobilien, und irgendwo irgendwann wird es zwangsläufig dazu kommen, dass man dem anderen helfen kann. Genau das tut man in der Oberschicht dann auch, weil man weiß, dass im Gegenzug auch wieder bessere Deals für einen selbst herausspringen werden. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht morgen, aber übermorgen gewiss. Hier folgt man mehr einem Win-win Denken. Sharing is caring. Am Ende kommen alle besser weg.

Mal sehen wann die Unter-und Mittelschicht das endlich begreifen. Ich befürchte es dauert noch seine Zeit.

Solltest du über solche hochwertigen Connections verfügen, tust du gut daran diese zu pflegen und hin und wieder die Leute einfach zu fragen „was kann ich heute für dich tun?“. Irgendwann wird ein Zeitpunkt kommen an dem sich deine Taktik „in Vorleistung zu gehen“, auszahlen wird. Häufig genau in dem Moment, in dem du es am dringendsten brauchst. Ein klassischer Fall einer Aufwärtsspirale.

Bei den Armen ist es genau umgekehrt. In dem Moment in dem arme Menschen die Hilfe am bittersten benötigen, kommt es meist noch dicker. Sie befinden sich in einer nie enden wollenden Abwärtsspirale.

Damals besaß ich als klassischer Angehöriger der Mittelschicht auch keine hochwertigen Connections. Ich hatte noch einen Onkel in Berlin der sich ebenfalls umhörte. Er bot mir auch an ein paar Tage bei Ihm zu wohnen, wenn ich mich vor Ort auf Wohnungssuche begeben wollte. Ein sehr großzügiges Angebot für das ich wirklich dankbar war.

Wenn man so gut wie keine Optionen hat, ist man dankbar wenn einem das Universum immerhin eine kleine Steigleiter zur Verfügung stellt. Diese sollte man annehmen als das was sie ist. Eine weitere Chance.

Somit machte ich mich bereit um einen dreitägigen Ausflug nach Berlin zu unternehmen. Von Dienstag bis Donnerstag wollte ich mein Glück vor Ort versuchen.

Für Mittwoch früh hatte ich bereits eine Zusage für ein Bewerbungsgespräch bei einem Immobilienmakler und für Mittwoch Nachmittag hatte ich eine Wohnungsbesichtigung vereinbart.

Das waren zwei feste Termine, die einem Besuch vor Ort Sinn geben würden. Ich hatte nun echte Gründe um dorthin zu gehen wo ich hin wollte. Zwei in Stein gemeißelte Termine. Mehr brauchte ich nicht.

Das waren zwei weitere Chancen einen Fuß in die Tür zu bekommen. Entweder es klappt mit dem Job oder es klappt mit der Wohnung.

Im Idealfall klappt es mit beidem.

Natürlich trat der Worst Case ein. Mit dem Job klappte es nicht und die Wohnung die ich besichtigte war ein absolutes Loch. Ein Loch, dass ich mir zusammen mit 20 anderen Leuten anschaute, die ein Dach über dem Kopf brauchten.

Willkommen in Berlin. Prekärer kann ein Wohnungsmarkt wohl kaum sein. Sogar für absolut ekelhafte, runtergekommene Schuppen muss man sich mit Dutzenden anderen die Beine in den Bauch stehen und um die letzten übrig gebliebenen Krumen schlagen. Das alles mit fein säuberlich vorbereiteten Unterlagen im Anschlag, ohne die für eine Wohnung sowieso nichts geht. Mietschuldenfreiheitsbescheinigung, positive Schufa-Auskunft, Gehaltsnachweise der letzten drei Monate oder alternativ eine Bürgschaft der Eltern, Ausweiskopie ecetera.

Die Chance auf dem konventionellen Weg sein Glück zu finden ist verdammt gering. Die Leiter auf der alle nach oben steigen wollen, ist per se nicht dafür prädestiniert überdurchschnittliche Erfolge möglich zu machen.

Und dennoch kann man auf diesem Weg fündig werden, nämlich dann wenn man seinen Fokus vom eigentlichen Ziel nimmt und stattdessen anfängt auf das zu achten, was sich am Wegesrand an Chancen ergibt.

Mit der Wohnung klappte es nicht, allerdings lernte ich bei der Besichtigung ein nettes Mädchen kennen. Ich war der erste der zur Besichtigung kam und wartete vor der Tür. Sie kam als zweites.

Nun kamen die Eigenschaften ins Spiel, die ich im ersten Teil dieses Textes als wichtige  Voraussetzungen für den Erfolg definierte. Offenheit, Kommunikativität und Positivität.

In diesem Moment gab es zwei Möglichkeiten.

  1. Die Energie für alle bei 0 zu halten. Ich spreche sie nicht an, sie spricht mich nicht an. Keiner sagt am Ende etwas, keiner weiß wie der andere tickt. Folge: Es werden sich keinerlei Chancen für die niemanden ergeben. Und das mit 100% Sicherheit.

You’ll miss 100% of the shots you don’t take.

  1. Ich spreche Sie an. Sie freut sich, dass jemand das Eis bricht. Man kommt ins Gespräch. Mal sehen was sich ergibt….der Ausgang ist zukunftsoffen.

Ich entschied mich geistesgegenwärtig für Option 2. Die Gegenoption wäre gewesen, mich einfach optional direkt zu erschießen, denn wenn ich mich schon in diesem Fall für das Energiesparen durch Nicht-Ansprechen entschieden hätte, …dann hätte es definitiv noch bessere Wege gegeben noch mehr Energie zu sparen. Mit dieser Einstellung hätte ich in der Stadt sowieso keinen Stich gemacht und hätte mich auf dem Land vergraben können.

Das Mädchen sprach kein Deutsch und so redeten wir in Englisch. Während der Wohnungsbesichtigung übersetzte ich Ihr immer wieder die wichtigsten Informationen und Aussagen des Maklers und half Ihr so gut es ging.

Innerlich war ich mir sehr schnell sicher, dass ich diese Wohnung NICHT wollte. Denn wie bereits erwähnt, es war ein Loch. Das konnte also noch spannend werden.

Am Ende der Wohnungsbesichtigung, als ich eigentlich schon wieder auf dem Weg zur U-Bahn war, machte ich noch einmal kehrt und ging zurück zu dem Mädchen um Telefonnummern auszutauschen. Eventuell konnten wir uns auf einen Cafe treffen. Außerdem sicherten wir uns zu uns gegenseitig zu informieren, wenn irgendjemand von uns eine Wohnung finden sollte, bei der noch ein weiteres Zimmer für den jeweils anderen dabei war.

So gingen wir auseinander.

So machen erfolgreiche Leute Geschäfte. Wir trafen eine Absprache, bei der es keinerlei Sicherheit gab, dass sich jemals irgendetwas für irgendeinen der Beteiligten ergeben würde. Aber die potentielle Chance war da. Sie war klein aber sie war da. Der Samen war gesät.

Und wie es dann in solchen Fällen eben kommt, rief mich die Dame am nächsten Tag an. Ich war gerade im Fitnessstudio trainieren (in dem ich mich direkt anmeldetet obwohl ich weder Wohnung noch Job in der Stadt hatte) und wollte nach dem Training eigentlich wieder zurück nach Bayern fahren. Mein dreitägiger Aufenthalt war an und für sich beendet.

Sie teilte mir mit, dass sie eine große Wohnung gefunden hatte, bei der ein weiteres Zimmer frei war. Ich konnte direkt vorbeikommen, mich mit dem Vermieter treffen und es mir ansehen.

Es stellte sich heraus, dass die Wohnung 90 Quadratmeter hatte und das Zimmer 300 Euro kostete. Oberndrauf hatte ich eine nette Mitbewohnerin.

300 Euro. So gut wie geschenkt.

Gerade wenn man mit nichts den Ort wechselt und sich in eine augenscheinlich recht hohe Unsicherheit begibt, ist es UNABDINGBAR von Beginn an die Fixkosten gering zu halten, wie in diesem Text beschrieben…

Wirtschaftlich angespannte Zeiten? – „Pfeiff drauf“-Zeiten!

Je höher die Kosten sind, desto schneller muss man mehr Geld verdienen um den Traum weiter aufrecht zu erhalten. Da die Situation eines Umzugs ohne Sicherheiten schon von vornherein inhärent unsicher ist, wäre es dumm die Unsicherheit weiter zu erhöhen durch hohe Kosten.

Daher bitte immer daran denken…KEEP THE FUCKIN COSTS LOW.

Especially in the beginning.

Nun war endlich das erste Problem gelöst. Ich hatte eine schöne große Wohnung in Berlin-Charlottenburg zu einem überschaubaren Preis inklusive netter Mitbewohnerin.

Zwar hatte ich noch keinen Job und somit keinen Einkommensstrom, but I had a shitload of fun.

Meine Mitbewohnerin, die an der technischen Universität studierte, hatte bereits einige Kommilitonen mit denen sie befreundet war. Auf diese Weise kam ich sehr einfach über sie in den Freundeskreis hinein.

Somit konnte ich meine To-Do Liste etwas abspecken.

  1. Wohnung finden. Check.
  2. Freunde finden. Check.
  3. Job finden.

Punkt 3 war noch offen, aber ich war mehr als zuversichtlich, dass sich diesbezüglich auch bald etwas ergeben würde.

Mein Berlin-Abenteuer hatte begonnen. I was more than willing to make this stuff work.

Ach ja, meine Mitbewohnerin kam übrigens aus….

….dem Iran.

…und die meisten Ihrer Freunde an der Uni auch. Ihre Freunde waren meine neuen Freunde.

Und so kommen wir dem Iran schon etwas näher. Zwar sind wir nun immer noch in Berlin-Charlottenburg.

Doch die Reise hat ja gerade erst begonnen;-)

Stay tuned…

Euer

Manuel Ernst

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