Meine Reise in den Iran. Erster Stopp: Jena

Manuel ErnstTravel Comments

Vom Schreibtisch von Manuel Ernst

Thema: Warum es sich lohnt ein kalkuliertes Risiko einzugehen

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Kürzlich hatte ich das Privileg in den Iran reisen zu dürfen. Ein Land das bei 99 Prozent der Menschen nicht zwangsläufig ganz oben steht auf ihrer Liste der „Orte die man im Leben gesehen haben sollte“.

Zum einen liegt das daran, dass der Iran kein Land ist in das man so einfach fahren kann wie vergleichsweise nach Mallorca oder an den Gardasee. Zum anderen hat die Mehrheit der Leute dem Land gegenüber brutale Vorurteile, da sie Ihr Wissen, wie bei den meisten anderen Dingen auch, aus dem Fernsehen hat. Dort hört man über den Iran vor allem Nachrichten in einem überwiegend negativen Zusammenhang. Stichwort Urananreicherung, explodierende Autobomben in Teheran und Krieg. Das sich das Land natürlich gar nicht im Krieg befindet und seit Jahren dort auch kein Krieg stattgefunden hat, ist nebensächlich.

Afghanistan, Irak….Iran. Alles eins!

It's a big world. Go run it.

It's a big world. Go run it.

Ist „da unten“ in einem Land Krieg, ist überall Krieg. So zumindest rationalisiert es der Durchschnitts-Westler, für den es zunehmend schwieriger ist um mehr als eine Ecke zu denken oder gar einen nuancierten Gedanken zu fassen, der zwei oder vielleicht sogar drei tiefergehende Gedanken umfasst.

Wir sind daran interessiert einfache intellektuelle Kost verabreicht zu bekommen. Dank der Medien bekommt die dumme Masse diese einfache Kost in Überdosen.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich selbst bis vor knapp zwei Jahren auch nicht mehr über den Iran wusste als alle anderen Kartoffeln. Dann war das Studium vorbei und ich entschloss mich nach Berlin zu ziehen.

Ohne alles.

Ohne Job. Ohne Kontakte. Ohne viel Geld.

Was ich hatte war eine positive Einstellung und das Vertrauen das alles schon irgendwie klappen würde, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt wären. Zu diesen Voraussetzungen zählen Offenheit, Kommunikativität und Positivität.

Wahrscheinlich gibt es kaum etwas aufregenderes als einen Ortswechsel, vor allem dann wenn man jegliche Sicherheitsvorkehrungen erst einmal gänzlich außen vor lässt.

Die meisten Menschen wechseln den Ort nur wenn sie gewisse Sicherheiten bereits haben, allen voran einen festen Job.

Das ist der Hauptgrund dafür, dass die Mehrheit der Menschen nicht dort landet wo sie tatsächlich gerne hin möchte, sondern dort, wo es sie hinverschlägt. Eine Folge Ihrer anerzogenen, antrainierten und von der Gesellschaft konditionierten Opfer-Mentalität. Ganz nach dem Motto „das Leben passiert einfach, ohne das man selber darauf einen Einfluss hat“.

So gehen junge Menschen nach dem Studium dorthin wo sich großzügigerweise ein Unternehmen bereit erklärt hat ihnen einen Job zu geben. Oder ein unbezahltes Praktikum.

Und plötzlich sitzt man mitten in der Pampa.

Ich selbst wusste, dass ich eingehen würde, wenn ich es nach dem Studium so machen würde. Denn ich hatte den Fehler schon einmal gemacht…vor Beginn des Studiums.

Eigentlich wollte ich bereits zum studieren in eine ‚große Stadt‘ ziehen. Großstädte faszinieren mich. Sie geben mir die Energie die ich brauche. Wenn ich früh auf die Straße trete und weiß „ich bin mitten drin“, geht es mir gut.

Leider wusste ich nach dem Abitur noch nicht in dem Umfang, dass man sein Leben auch selbst in die Hand nehmen kann. So bewarb ich mich zwar nur in großen Städten für einen Studienplatz, doch als ich aus dem Sommerurlaub im Herbst zurückkam, lagen nur Absagen im Briefkasten.

Ich hatte keinen Studienplatz und keinen Plan wie es weitergehen sollte. Nun galt es zu prüfen welche Optionen noch offen waren, an welchen Orten die Bewerbungsfristen noch nicht abgelaufen waren.

So landete ich im beschaulichen Jena. Eine nette kleine Stadt in Thüringen. Durchaus lebenswert, mit netten Menschen und einer tollen Uni.

BUT NEVER IN HELL THE PLACE I WANTED TO GO TO.

So gingen 5 Jahre Studium ins Land.

Es ist klar, dass man sich mit seinen Umständen ‚anfreunden‘ und in jeder misslichen Lage auch positive Aspekte finden kann. Genau das habe ich getan.

Allerdings ändert das nichts an der Tatsache, dass mich das Leben an diesen Ort getrieben hat. Einen Ort den ich mir in erster Linie niemals von alleine ausgesucht hätte.

So musste ich mich mit der zweitbesten Option zufrieden geben. Etwas was komplett inakzeptabel ist, solange es auf der Welt auch erstbeste Optionen gibt.

Daher war klar, dass der Entscheidungsprozess nach dem Studium anders laufen musste.

Im vorletzten Semester sah ich links und rechts von mir bereits die Kommilitonen, wie sie sich den Kopf zerbrachen, bei welchen Firmen sie sich nun überall bewerben konnten, wie die Wahrscheinlichkeiten lagen genommen zu werden und wie hoch die Einstiegsgehälter bei Firma A oder B lagen. Dort wo sie genommen werden, dort würden sie hingehen. Und wenn es in Bautzen oder in Ansbach ist.

Für meine Mitstudenten war vor allem das Unternehmen relevant bei dem Sie landen konnten. Für mich war der Ort relevant an dem ich mich befand. Ein gravierender Unterschied.

Wenn ich wieder irgendwo in der Pampa landen würde weil mich ein Jobangebot dorthin verschlägt, wäre ich totunglücklich geworden.

Daher war ein Vorgehen in der üblichen Reihenfolge für mich absolut unvorstellbar und somit nicht praktikabel.

Nun kann ich mir gut vorstellen, dass es nach dem Studium durchaus mehr Menschen so ergeht wie mir, viele allerdings nicht den Mut haben die Dinge anzugehen, wie sie es eigentlich möchten. Ihnen fehlt das Vertrauen in sich selbst.

Die Folge davon ist, dass sie zumindest temporär ein Leben bekommen, dass sie so eigentlich gar nicht möchten. Und dieses Leben wird dann so lange anhalten, bis sie eine abrupte Entscheidung treffen einen Einschnitt zu machen, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen und es so zu gestalten wie sie es tatsächlich möchten.

Macher-Mentalität, statt Opfer-Mentalität.

Ich war mir bewusst, dass ich dringend eine Macher-Mentalität annehmen musste um mein Leben nach dem Studium in Bahnen zu leiten, die ich für gut befand. Es galt die Reihenfolge zu ändern in der ich meine Entscheidungen traf. Der Gedankenprozess lautete nicht mehr…

Wo bekomme ich einen Job? Dort gehe ich hin.

Stattdessen hieß es…

Wohin will ich? Dort gehe ich hin und suche mir Wege wie ich mich finanzieren kann.

Und damit war die Entscheidung für mich getroffen. Ich wollte an einem Ort sein, an dem die Energie hoch ist, wo viel los ist, wo es spannend ist. Als Großstädte kamen in Deutschland nur Hamburg, München und Berlin in Frage. Der weitere Denkprozess um die drei Optionen auf eine letzte Option zu reduzieren, sah wie folgt aus..

Hamburg: immer schlechtes Wetter. Es regnet die ganze Zeit.

(Ich weiß, das ist ein Klischee und stimmt nicht zwangsläufig, allerdings ist das hier nicht wichtig. Ich möchte dir lediglich demonstrieren, dass Entscheidungen nicht immer auf akademische Art und Weise hergeleitet werden müssen, so dass man am Ende am besten maximale Sicherheit hat. Denn die gibt es sowieso nicht. Stattdessen kann man in solchen Entscheidungsprozessen, die von vorherein eine inhärente Unsicherheit mit sich bringen, gut und gerne auch einfach nach dem Bauchgefühl gehen oder welche sinnbefreiten Argumente dir in diesem Moment auch immer gerade in den Kopf kommen).

München: macht vor allem dann Spaß wenn man schon viel Geld hat, beziehungsweise in den eigesessenen Geld-Kreisen drin ist. München ist eine Ecke konservativer, weniger jung und kreativ. Gut für Leute die es schon geschafft haben, aber nicht zwangsläufig für Leute die „es noch schaffen wollen“.

(Du siehst, die Gründe die gegen München sprechen sind, wenn man so will, auch wieder an den Haaren herbeigezogen. Das ist aber wiederum vollkommen irrelevant, solange es mir hilft meiner finalen Entscheidung näher zu kommen).

Berlin: jung, hip, kreativ, mit Abstand die größte Stadt Deutschlands, sau-spannend. Hier kann man wenig falsch machen. Vor allem für Leute interessant die „es schaffen möchten“.

(Hier habe ich alle negativen Aspekte vollkommen ausgeblendet. Dies hat mir geholfen meine endgültige Entscheidung zu treffen).

Berlin. Jung, spannend, tolle Energie.

Berlin. Jung, spannend, tolle Energie.

Somit war klar, dass ich meine sieben Sachen packe und nach Berlin ziehen würde. Zugegebenermaßen ist es für junge Menschen im allgemeinen nicht die schlechteste Entscheidung in die größte Stadt Ihres Landes zu ziehen.

Wäre ich in Frankreich, würde ich nach Paris ziehen.

Wäre ich in England würde ich nach London ziehen.

Wenn es einem nach einem Jahr nicht gefällt kann man immer noch zurück aufs Dorf. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass man nun weiß wovon man spricht und gelernt hat was man im Leben nicht will. Wenn für jemanden die Großstadt nicht das Nonplusultra ist, so ist dessen Entscheidung zu respektieren.

Die meisten Menschen wissen jedoch nicht ob es für sie etwas ist, da sie es schlichtweg nie probieren. Sie haben zu viel Angst.

Angst vor dem Leben. Angst davor ihr gewohntes Umfeld zu verlassen. Ihre Komfortzone, die so fürchterlich bequem ist.

Das Leben beginnt aber am Ende der Komfortzone.

Dort, nämlich am Ende, beginnt die sogenannte „Zone“. Da wo es spannend wird. Da wo es zu kribbeln beginnt. Da wo das Herz fast aus der Brust springt wenn man nur daran denkt etwas zu tun, dass bisher absolut nicht innerhalb der eigenen Realität lag.

Meine ‚Zone‘ hieß Berlin. Dort wollte ich hin, dort wollte ich mein Glück versuchen. Die Entscheidung war getroffen.

Zugegebenermaßen liegt Berlin immer noch recht weit vom Iran entfernt.

Aber eins nach dem anderen. Der Weg ist das Ziel.

Mit charmanten Grüßen

Euer

Manuel Ernst

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