Wie du dich verhalten solltest wenn du in Berlin ausgeraubt wirst

Manuel ErnstLife Comments

Vom Schreibtisch von Manuel Ernst

Thema: Wie du ohne blaues Auge davon kommst wenn jemand dein Leben ruinieren möchte

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Neulich passierte mir eine äußerst unschöne Sache. In der Nacht von Freitag auf Samstag fuhr ich um zirka halb 4 morgens mit der S-Bahn von einer Party nach Hause. Nachdem ich eine an und für sich wunderbare Sause mitgemacht hatte, bei der ich tolle Leute traf, nette Gespräche führte und ein gutes Glas Wein trank, meinten einige Chaoten mir zum Ausklang der Nacht in die Suppe spucken zu müssen.

Solche Erlebnisse sind besonders ärgerlich. Man ist gut drauf, hat etwas Positives erlebt und schätzt in diesem Moment die Welt als einen guten und schönen Ort ein. Im nächsten Moment kommt jemand um die Ecke und zeigt dir deutlich, dass die Welt nicht nur schön bunt ist.

Sie kann auch ziemlich hässlich, unfreundlich, irrational und…ja… sogar unfair sein.

Aber der Reihe nach…

Ich stieg am Bahnhof Alexanderplatz in eine S-Bahn ein und setzte mich auf einen leeren Vierer-Sitz. Das Ziel war Charlottenburg, gute 15 Minuten vom „Alex“ entfernt. Hinter mir und vor mir waren auch noch andere Leute in der Bahn, die ebenfalls eine lange Nacht hatten und auf dem Weg nach Hause waren. Der Zug wartete am Bahnhof noch ein paar Minuten auf weitere Fahrgäste. Schließlich stieg eine Gruppe von drei jungen Männern in die Bahn ein und setzte sich direkt auf die drei freien Plätze auf dem Vierer-Sitz wo ich es mir bequem gemacht hatte. Auf dem Vierer daneben schlief über zwei Plätze verteilt ein Obdachloser. Zuerst würdigte mich keiner der Typen (zwei Deutsche, ein Türke) eines Blickes. Es war offensichtlich, dass die Jungs vom feiern kamen. Schon beim zuhören merkte ich, dass die Herrschaften nicht die Hellsten waren. Dies machte sich vor allem dadurch bemerkbar, dass Sie keinen einzigen Satz ordentlich „geradeaus“ formulieren konnten und sie obendrein den in manchen Gegenden Berlins besonders stark verbreiteten Gossen-Slang sprachen.

Ich habe keine Freunde die aus dem geistigen Prekariat kommen und habe auch nicht vor mir welche zu suchen. Solange ich von ihnen in Ruhe gelassen werde ist alles in Ordnung.

Und zugegebenermaßen ist es immer lustig solchen Menschen beim sprechen zuzuhören. Alles was sie sagen hört sich an wie wenn sie permanent kotzen müssen. Da kommt nur Bullshit aus dem Mund.

Für all diejenigen denen meine Sprache jetzt schon zu unsanft ist, die sollen jetzt bitte aufhören zu lesen. Dies ist kein politisch korrekter Artikel.

Ich schaute aus dem Fenster und ignorierte die drei Atzen, was recht schwer fiel, da sie sich ziemlich aggressiv und laut unterhielten und permanent am Dünnschiss reden waren. Offensichtlich waren sie bereits aus einem Club geflogen weil sie herumgeschlägert hatten.

Etwas unwohl fühlte ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits auf jeden Fall, besonders da ich mehr oder weniger neben ihnen eingekeilt am Fenster saß. Dann meinte der Türke plötzlich zu mir…

„Ey Junge, hast du Para?“

Obwohl ich kein Türkisch spreche, weiß man nach einer Weile in Berlin, dass mit Para Geld gemeint ist. Der nette Mensch wollte mich also direkt abziehen. Ich hatte nicht übermäßig viel Geld dabei aber definitiv waren es mehr Euros als der Antragsteller an IQ hatte. Offensichtlich war ich in dieser Nacht das auserwählte Opfer, welches ihm mit seinem Geld den nächsten Puff-Besuch bezahlen sollte. Ich sah ihm in die Augen und meinte, „dass ich kein Geld habe“.

Es ist sehr interessant was einem in diesem Moment alles durch den Kopf schießt. In der Retrospektive meine ich zu glauben, dass mein Gehirn alle zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Möglichkeiten blitzschnell durchgegangen ist und geprüft hat welche Option die höchste Überlebenschance bieten würde.

Da war zum einen die Option „Flucht“. Mein Gehirn lieferte mir sofort ziemlich klare und deutliche Bilder an welcher Position in der Bahn ich mich gerade befand, wie viele Leute vor und hinter mir saßen und das auf der anderen Seite des Ganges nach wie vor der Obdachlose lag und friedlich schlief. Da ich eingekeilt zwischen den drei Typen am Fenster saß, war die Option Flucht eher weniger praktikabel.

Glücklicherweise wirkten die anderen zwei Typen die zu dem Türken gehörten relativ wenig streitsüchtig (relativ(!) im Vergleich zum Aggressor) und nuschelten dem Türken sowas zu wie „lass gut sein“ oder „is ok“. Somit hatte ich in diesem Moment das Glück, dass nicht drei Typen auf einmal aus mir einen 20-Euro-Schein herausprügeln wollten, sondern nur einer.

Der Türke forderte mich zum wiederholten Mal auf mit „Tu dein Geld raus“ und ich entgegnete ihm mit: „Ich habe kein Geld. Glaubst du ich würde jetzt schon nach Hause fahren wenn ich noch Geld hätte?“.

Darauf hin guckte er mich wie ein Eichhörnchen an und drohte mir mit: „ Wenn ich irgendwas bei dir finde, dann bist du fällig!“.

Na super, nun wollte er anscheinend gleich touchy werden und mich anfassen/durchsuchen/mir brutalst aufs Maul hauen.

Auch in diesem Moment malte mein Gehirn sofort wieder sehr spannende Bilder, nämlich ich mit eingeschlagenem Kopf, blutüberströmt in der S-Bahn, tot oder je nachdem wie gut der Typ heute drauf ist, nur halbtot.

Auch in diesem Moment ging mein Gehirn kurz die Option durch tatsächlich den Geldbeutel rauszuholen und dem netten Menschen 20 Euro zu geben. Das Geld hätte mich nicht wirklich gejuckt und wenn es mir garantiert hätte, dass ich heil und gesund aus der Situation herauskomme, hätte ich es ihm sofort gegeben.

Doch ist es leider so, dass man in so einem Augenblick nicht zu romantisch werden darf. Leute die dumm sind und nichts zu verlieren haben denken nicht so wie du und ich. Du darfst nicht denken, dass du ihnen deine 20 Euro gibst und sie plötzlich so etwas wie Dankbarkeit zeigen, dir dann eine gute Weiterfahrt wünschen und nach Hause gehen. Weit gefehlt.

Angenommen du holst wirklich den Geldbeutel raus und gibst ihnen die Kohle, so heißt es als nächstes: „Ey, hast du auch ein Handy? Hol sofort dein Handy raus und gib es mir!“.

Und schwupps, schon greifst du im nächsten Moment in die Tasche  und reichst dem Schwachmaten dein 700 Euro Iphone rüber. Danach ist es aber immer noch nicht vorbei. Der Junge wird schnell realisieren, dass er in dieser Nacht den Jackpot geknackt und das richtige Opfer gefunden hat. Daher fordert er dich als nächstes auf deine Bankkarte rauszuholen, mit ihm und seinen zwei Freunden an der nächsten Station auszusteigen und zum nächsten Bankautomaten zu gehen. Dort wird dann erstmal abgehoben was man eben so an einem Tag abheben kann. Vielleicht 500 Euro, vielleicht 1000 Euro. Cash ist king.

Und wenn du ihm schließlich alles was du kurzfristig locker machen konntest gegeben hast (Bargeld im Geldbeutel, Handy, Geld vom Bankautomaten), denken sich die Jungs, dass sie trotzdem immer noch Bock auf eine kleine Boxerei haben. Allein schon weil sie an dem Abend aus der Disko geflogen sind. Und an irgendjemandem muss man seine Wut ja rauslassen. Heute Abend bist du fällig, heute bist du das Opfer. Also ich.

Du siehst, du kannst nur verlieren. Selbst wenn du ein netter Mensch bist (so wie du ja erzogen wurdest) und Nächstenliebe praktizierst, indem du jemandem dein Geld gibst (jemandem der eigentlich Null Anspruch auf deine Kohle hat), darfst du nicht damit rechnen, dass dir eine Flut aus Dankbarkeit entgegen schwappt. Deine Oma Erna denkt vielleicht, dass die Welt so funktioniert, doch die Realität sieht etwas anders aus.

Jemand der nichts zu verlieren hat kennt in solchen Momenten keine Werte oder irgendeine Moral. Von Dankbarkeit ganz zu schweigen. Er sieht nur was er in diesem Augenblick alles gewinnen kann. Er sieht welche seiner dringlichsten Bedürfnisse er stillen könnte wenn er wieder 20 oder 50 Euro in der Tasche hätte.

Daher kann man ihm eigentlich kaum verübeln wie er gehandelt hat. Er hat aufgrund seiner geistigen und der daraus resultierenden finanziellen Armut so gehandelt.

Eventuell muss man auch sagen, dass er aus seiner finanziellen und der daraus resultierenden geistigen Armut so gehandelt hat. Er ist Opfer seiner Umstände. Wenn er zum Beispiel in Berlin-Neukölln aufgewachsen ist, standen seine Chancen von Geburt an gut hauptsächlich mit Menschen aus ähnlich bildungsfernen Schichten zu tun zu haben. Hier wäre es also auch die Aufgabe des Staates, beziehungsweise der Politik , bessere Rahmenbedingungen für alle zu schaffen.

Dies ändert natürlich nichts daran, dass er für sich selbst verantwortlich ist und es zuallererst seine Aufgabe ist sich am eigenen Hals aus dem Schlamassel zu ziehen. Doch dieses Problem greift so weit, dass wir es an dieser Stelle nicht lösen können. Daher zurück zum weiteren Verlauf der Geschichte.

Das Herausgeben des Geldes war aus den dargelegten Gründen keine echte Option. Somit entgegnete ich ihm auf seine Aussage „Geld raus, wenn ich irgendwas bei dir finde, bist du fällig“, mit: „Ich habe kein Geld. Ich habe Respekt vor euch und will wirklich keinen Stress“.

Während ich dies sagte, schaute ich ihm zwar entschlossen, aber auch leicht unterwürfig in die Augen und sagte dann nichts mehr. Ob das wirklich die beste Option ist weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es in diesem Moment funktioniert hat.

Der Typ sah mich noch kurz an und forderte mich dann auf sofort aufzustehen und zu gehen. Er wollte meinem Verständnis nach, dass ich mich woanders hinsetzte. Also schob er seine Beine zur Seite um mir den Weg frei zu machen.

Dies hätte natürlich eine Falle sein können und sobald ich aufstehe und gehe, steht er ebenfalls auf und haut mir eine rein. Dann wäre für mich wiederum nichts gewonnen gewesen.

Dennoch hielt ich die Option zu gehen in dem Moment für die aussichtsreichste Option, ergo die Option die die höchste Wahrscheinlichkeit hatte mit minimalem Schaden davon zu kommen.

Daher nutzte ich die sich auftuende Fluchtoption und wechselte den Platz. Tatsächlich setzte ich mich aber gar nicht zu weit weg, sondern nur auf einen Sitz des Vierers auf der anderen Seite des Abteils , wo nach wie vor der Obdachlose vor sich hin döste.

Auch hier ist wieder fraglich ob es sehr klug ist sich nur wenige Meter weiter wieder hinzusetzen. Doch in dem Augenblick schien es für mich sinnvoll, da es nicht so aussehen sollte wie wenn ich möglichst weit weggehen oder sogar ganz aussteigen wollte. Dies könnte interpretiert werden wie wenn man flüchtet, weil man so sehr Angst hat, was in den Tätern wiederum den Drang wecken könnte mir hinterher zu gehen und die Sache doch noch auf eine andere Art zu Ende zu bringen.

Auf der weiteren Fahrt ließen mich die Jungs dann in Ruhe und versanken wieder in ihren eigenen hirnlosen Gesprächen, die im Wesentlichen ein Aufarbeiten Ihrer recht destruktiven Nacht waren. Währenddessen fuchtelte einer von ihnen mit seinem Schlagstock durch die Gegend und bearbeitete damit „sanft“ den Sitz neben sich.

Nur als ich ausstieg versuchte mir der nette Türke noch eine zu langen, erwischte mich jedoch nur noch an der Schulter und verabschiedete sich mit einem freundlichen „Verpiss dich, du Hurensohn!“.

Welche Konsequenzen kann ich also aus dieser Nacht ziehen und wie kannst du diese Erkenntnisse eventuell für dich in Zukunft in solchen Situationen zu deinem Vorteil nutzen?

  1. Hole in keinem Fall Geld heraus und gebe es den Aggressoren. Dies macht aus den dargelegten Gründen einfach keinen Sinn.
  2. Versuche die Situation zu deeskalieren und auf keinen Fall dein Gegenüber zu provozieren. Provokation ist etwas worauf solche Leute immer die passende Antwort parat haben. Und diese Antwort lautet dir den Schädel einzuschlagen. Spreche entschlossen aber ruhig und sage so wenig wie möglich, ergo nur das Wichtigste. Beispiel: „Ich habe kein Geld. Ich habe Respekt. Ich will keinen Stress. Zu viele Sätze geben den Tätern die Möglichkeit deine Aussagen auf irgendeine hirnrissige Art und Weise herumzudrehen und absichtlich falsch zu interpretieren, so das sie ihr ursprüngliches Ziel – dir den Kopf einzuschlagen – doch noch mit guten Gewissen verfolgen können.
  3. Versuche die erste Möglichkeit zur Flucht zu nutzen die sich dir auftut. Distanz zu gewinnen ist in solchen Fällen das A und O.

Abschließend gilt es festzuhalten, dass du in solchen Situationen alles zu verlieren hast, während es für dich so gut wie nichts zu gewinnen gibt.

Der positivste Ausgang für dich in solchen Situationen ist heil aus der Sache herauszukommen. Mehr kannst du nicht erwarten.

Im Gegenzug haben deine Angreifer in solchen Situationen oft viel zu gewinnen und so gut wie nichts zu verlieren. Materiell haben sie nichts zu verlieren, weil sie in der Regel wirklich nichts haben außer das bisschen Bargeld was sie durch gelegentlichen Diebstahl oder die monatliche Überweisung vom Amt bekommen. Auf geistiger Ebene haben sie ebenfalls nichts zu verlieren, denn da wo nichts ist, kann auch nichts kaputt gehen. Ob dein Gegenüber einen Schlag abbekommt macht ihm nichts aus, da er es gewohnt ist sich zu schlagen und daraus für gewöhnlich seine „Stärke“ zieht. Nach dieser Logik ist ihm im Endeffekt also fast jede Schlägerei willkommen.

Unter dem Strich bleibt festzuhalten, dass die Welt (natürlich) nicht nur der wunderbare Ort ist für den wir sie gerne halten wollen. Es passiert viel Mist. Bist du in dem einen Moment überglücklich, kann dir schon im nächsten Moment jemand dein Licht „ausschalten“. Oder du trittst eines Tages vor deine Haustür und der berühmt berüchtigte Dachziegel fällt dir tatsächlich auf den Kopf und du bist hinüber.

Shit happens.

Und dennoch sollten wir uns von solchen Ereignissen, die theoretisch in jedem Augenblick passieren können (und in der Praxis dann eben hin und wieder tatsächlich geschehen), nicht die Laune verderben lassen.

Solche Ereignisse dürfen dir nicht den Mut nehmen dein Leben so zu leben wie du es möchtest. Es gibt keinen Grund durchs Leben zu gehen und permanent davon auszugehen, dass die schlimmstmögliche Option jederzeit eintreten kann. So zu leben würde einen paranoid machen. So zu leben würde bedeuten nicht richtig zu leben. Und dieses Leben ist keinesfalls was wir wollen. Im Gegenteil.

Wir müssen anerkennen, dass immer die Gefahr da ist, dass etwas Schlimmes geschehen könnte, doch das war es auch schon.

Stattdessen wollen wir Träumer, Poeten, Idealisten und Romantiker sein die mit der Einstellung ans Leben gehen, dass wir unser Traumleben selber gestalten können, so wie wir es wirklich möchten. Stein für Stein. Tag für Tag. Stunde für Stunde. Sekunde für Sekunde.

Manchmal wirft dir das Leben hässliche Steine in den Weg, denn es will dich testen. Unsicherheit wird dich heimsuchen und dir versuchen Angst einzujagen. Doch all das bedeutet nichts.

Du wirst es hinnehmen, dich kurz schütteln und weitermachen.

Unerschrocken.

                 Unbeeindruckt.

                                Ganz ungeniert.

Das Leben ist tatsächlich das was du daraus machst.

Schlimme Dinge werden passieren. Was für eine Überraschung.

Schöne Dinge werden geschehen. Welch ein Wunder!

Und am Ende läuft alles darauf raus wie gut du deine Fähigkeit entwickelt hast mit Unsicherheit umzugehen.

Wie einer der klügsten Persönlichkeits-Coaches unserer Zeit, Peter Sage, sagte: „Die Qualität deines Lebens ist direkt proportional zu der Menge an Unsicherheit die du bequem aushalten kannst“.

Und jetzt geh raus und leb dein Leben.

Ich weiß dass du es kannst.

 

Mit großer Zuneigung

Euer

-Manuel Ernst

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